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Blog-Eintrag

Der Internet Explorer und Web-Standards

Der Riese regt sich...

Im Februar machte Microsofts Chef-Architekt Bill Gates zwei Ankündigungen, welche wichtig sein könnten in bezug auf das World Wide Web. Mantragleich hat er größere Interoperabilität mit Software anderer Hersteller zugesichert; desweiteren hat er den Internet Explorer in der Version 7 angekündigt (siehe Bill Gates- Internet Explorer 7 soll mehr Sicherheit bringen und Details über Internet Explorer 7 enthüllt).

Der weltweite Erfolg des Firefox-Browsers (dem jüngsten Spross der Mozilla-Familie) und auch steigende Nutzerzahlen des Web-Browsers aus dem Hause Opera scheinen dem bisher schlafenden Riesen Microsoft langsam die Augen zu öffnen: es gibt inzwischen leistungsfähigere Konkurrenz zu Microsofts Web-Browser. Dieser fristet seit dem Jahre 2001 ein stilles Dasein, nenneswerte Weiterentwicklungen bleiben ihm bisher versagt, hin und wieder erfährt er im Rahmen einer der bekannten Patch-Orgien und Service-Packs diverse und teilweise fragwürdige Sicherheits-Updates. Mehr nicht.

Nicht nur wegen seiner teilweise konzeptionell bedingten Sicherheitsmängel ist der Internet Explorer berechtigt und zunehmend in die Kritik geraten. Auch bezügl. aktueller und auch kommender Web-Standards ist der Web-Browser aus dem Hause Microsoft inzwischen sehr schlecht aufgestellt. Seit 2001 ist an seinen Fähigkeiten zur zeitgemäßen Darstellung von Webinhalten nichts mehr geändert worden – ein Zeitraum, der eine halbe Ewigkeit im schnellen World Wide Web ist.

Moderne Webseiten, welche aktuellen Web-Standards genügen und mit jedem anderen Konkurrenz-Browser größtenteils mühelos zu schaffen sind, lassen sich mit dem Internet Explorer nicht zuverlässig darstellen. Die Entwicklung im World Wide Web schreitet mit großen Schritten voran, Browser-Hersteller wie Mozilla, Opera und Apple machen ihre Hausaufgaben im Großen und Ganzen gut und setzen diese Entwicklungen in ihren Produkten mehr oder weniger vorbildhaft um.
Etablierte Standards wie z.B. HTML 4.01, XHTML und (das mittlerweise 7 Jahre alte) CSS2 sind für aktuelle Web-Browser größtenteils kein Problem, aber auch kurz bevorstehende Technologien wie CSS3 oder auch XForms werden derzeit z.B. von Mozillas Browsern in Teilen schon umgesetzt. Der Internet Explorer dagegen patzt hier auf der ganzen Linie: seit Jahren etablierte Standards wie HTML4 und CSS2 setzt er nur unzureichend oder abweichend vom veröffentlichten Standard gar falsch um, verschiedentlich notwenige MIME-Typen zur Erkennung von Dokumenttypen (z.B. application/xhtml+xml für echte XHTML-Dokumente) kennt er nicht. An herannahende Web-Standards wie XHTML2, CSS3 und XForms wagt man in diesem Zusammenhang nicht denken.
Kurz: der Internet Explorer ist auf seinem technischen Stand von 2001 stehengeblieben, ist für alle Nutzer im Grunde ein hemmendes Ärgernis geworden. Sicherheitskritisch betrachtet und auch was das sonstige Können angeht. Immer mehr Nutzer merken das und schwenken begeistert zu besseren Alternative wie Mozilla Firefox oder Opera. Sogar einzelne Microsoft-Manager haben sich in manchem Interview der vergangenen Monate recht positiv zu Mozillas Firefox Browser geäußert.

Lesenswerte Artikel wie z.B How Microsoft can support CSS2 without breaking the Web oder auch Unbreaking the web beschäftigen sich mit der Frage, was Microsoft tun kann, um den Internet Explorer wieder fit zu machen für die aktuelle Gegenwart und die nahe Zukunft.

Der Druck auf Microsoft, etwas zu tun, wächst. Das Entwickler-Team rund um den Internet Explorer ist von Microsoft im Jahre 2001 aufgelöst worden (zufälligerweise genau in dem Jahr, als der größte Konkurrent Netscape erfolgreich niedergezwungen worden ist). Kurz vor der beachtenswerten Ankündigung Bill Gates' über eine neue Version des hauseigenen Browsers machten Anfang des Jahres 2005 Mitteilungen die Runde, dass Microsoft wieder ein Entwickler-Team für den Internet Explorer zusammenstelle. Seitdem häufen sich aus dieser Ecke zaghafte Erkundungsversuche, herauszubekommen was die Nutzer am Internet Explorer vermissen bzw. verbessert wissen möchten.

Das IE-Blog. Seit kurzem existiert von den Microsoft-Entwicklern auch ein eigenes, interaktives Weblog: IEBlog. Bemerkenswert ist hier die scheinbare Offenheit, in der Microsoft sich der Problematik nähert: das Blog als Anlauf- und Kontaktstelle mit dem Benutzer. Allerdings stellt sich dem wissenden Leser die wohl berechtigte Frage, ob das alles mit der mächtigen Marketing-Abteilung des riesigen Konzerns gut harmoniert bzw. ob die Microsoft'schen Entwickler, die hier Rede und Antwort stehen, wohl die volle Rückendeckung des Konzern haben. Das moderierte und bisher offene Weblog legt immerhin recht schonungslos offen, was Benutzer am Internet Explorer auszusetzen haben. Besonders der Eintrag IE and Standards scheint die Gemüter und auch viele namhafte Menschen zu Äußerungen zu bewegen. Zumindest die Anzahl der Kommentare bzw. der woanders getätigten Äußerungen, die sich auf diesen Blog-Eintrag beziehen machen deutlich, dass Microsoft in Erklärungsnot scheint, wenn es um eine Erklärung geht, was man denn die letzten Jahre am Internet Explorer konkret entwickelt habe. Ein meiner Meinung nach in der Tat berechtigter Vorwurf an den mächtigsten Software-Konzern der Welt, wenn man bedenkt, dass dieser mit einem wie auch immer erreichten Marktanteil von zeitweise über 95% auch ein Stück Verantwortung dem Kunden gegenüber hat.
Das Weblog, speziell der vorgenannte Eintrag mit seinen zahlreichen Kommentaren, ist sehr aufschlussreich. So manche Antwort der Entwickler verblüfft, verweist man dort gerne auf vergangene Erfolge aus den Anfangstagen des Browsers anstatt auf konkrete und zukünftige Fähigkeiten des Internet Explorers einzugehen. Derlei Antworten machen dem geneigten Leser nur allzu deutlich, wie viel Microsoft wirklich aufzuholen hat, um nicht irgendwann wirklich den Anschluss zu verlieren.

Håkon Wium Lie, CTO bei Opera Software und Co-Autor von CSS2 äußert sich beispielsweise in The Acid2 challenge to Microsoft sehr zurückhaltend, was die jüngsten Ankündigungen Microsofts angeht, bald einen Internet Explorer 7 vorzustellen. Er bezeichnet Microsoft als geübt im Umgang mit Versprechungen, um sie dann nie oder unzureichend einzulösen. Er wirft Microsoft vor, zwar in den W3C-Gremien zu sitzen, welche Web-Standards erarbeiten, doch die Umsetzung dieser in den eigenen Produkten sei sehr mangelhaft oder finde gar nicht statt. Als Beispiel nennt er CSS2, an dessen Erarbeitung Microsoft damals aktiv mitgearbeitet hatte – ausgerechnet der Internet Explorer lässt ausreichende CSS2-Fähigkeiten jedoch vermissen.
Lie schlägt einen sog. Acid2-Test vor, welcher unter dem Dach des Web Standards Project steht und analog zum ersten, sehr erfolgreichen Acid Test vor allem die CSS-Fähigkeiten des kommenden IE7 unter Beweis stellen soll. Lie richtet seine Worte ungewöhnlich direkt an die Microsoft-Entwickler und fordert sie nachdrücklich auf, alles zu tun, damit der Internet Explorer 7 endlich aktuelle Web-Standards unterstütze. Lies durchscheinende Antipathie bzw. Verärgerung bzgl. Microsofts Verhalten dürfte meiner Meinung nach jedoch verständlich sein, wenn man die diversen Scharmützel bedenkt, die sich Opera und Microsoft in der Vergangenheit geliefert haben und aus denen Opera letztendlich als Sieger herausgegangen ist.

Eric Meyer, ehemals Mitglied des Netscape Evangelism Teams und ebenfalls Mitglied der W3C CSS-Working-Group ist zwar in That Acid Buzz prinzipiell gleicher Meinung, möchte jedoch bzgl. des Acid2-Tests den Fokus weglenken von einer rein Microsoft-zentrierten Sichtweise und diesen Test zur Grundlage aller modernen Web-Browser machen. In Meyers Formulierungen scheint hindurch, dass diese Vorgehensweise politisch geschickter sei als Microsoft so offensichtlich, wie Lie es tut, an den Pranger zu stellen. Meyer befürwortet mit Nachdruck die Sinnhaftigkeit eines von Lie in Aussicht gestellten Acid2-Tests, betont jedoch, dass das Bestehen dieses Tests für alle existierenden Web-Browser eine Herausforderung und ein Gewinn sein würde.

Ich gebe beiden recht, tendiere innerlich jedoch eher zu der Äußerung von Håkon Wium Lie. Zumal Lie im Verlauf seiner Äußerung andere Browser für den Acid2-Test einschließt und sich somit nicht ausschließlich auf den IE bezieht.

Fazit: Microsoft steht inzwischen also ziemlich unter Handlungsdruck – immer mehr Anwender wandern ab zu besseren und sichereren Browser-Alternativen wie Mozilla Firefox oder Opera. Die Kritik, die Forderung nach Veränderung wird immer lauter und immr direkter an Microsoft herangetragen und vom Konzern eingefordert. Man kann sich, nicht zuletzt aufgrund der begrüßenswerten Blog-Offensive seitens der IE-Entwickler, des Eindrucks nicht erwehren, als gäbe es eine Diskrepanz zwischen dem, was Microsoft-Entwickler bereit wären umzusetzen und dem, was der Konzern offiziell möchte und unterstützt.

In its short, 2½ year life, the Netscape Evangelism team helped literally thousands of authors and adminstrators of web sites around the world to improve their support for the W3C DOM and CSS Standards. If such a small group with limited resources can help change the web, imagine what Microsoft could do with its resources if it only tried.

Dieser Feststellung ist auch aus meiner Sicht nichts hinzuzufügen.

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