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Netscape 8.0 Beta

Netscape 8.0 Beta Splash Screen Im Dezember des vergangenen Jahres schon hatten sich die Gerüchte verdichtet: es gibt eine weitere Neuauflage des einst so populären Web-Browsers Netscape aus dem Hause AOL. Diesmal auf Grundlage des Mozilla Firefox-Browsers und der integrierten Fähigkeit, Webseiten wahlweise auch mit der Rendering-Engine des unter Windows verfügbaren Internet Explorers darzustellen. Letzteres wird wohl ausschlaggebend sein, warum der neue Web-Browser wahrscheinlich nur unter Windows verfügbar sein wird.

Nach einer im Dezember veröffentlichten Entwickler-Version mit insgesamt mehr schlechten als guten Kritiken, steht nun im Download-Bereich von Netscape eine erste Beta-Version der Version 8 zum Testen bereit. Ich habe mir den gut 12 MB-großen Download mal installiert und näher angeschaut...

Installation: Nach der Installation fällt mir zuvorderst etwas Unangenehmes auf: ich bekomme den Web-Browser nur unter dem Administrator-Benutzerkonto zum Laufen. Wechsele ich auf ein normales Benutzerkonto mit eingeschränkten Rechten, startet der Browser nicht korrekt und bewegt sich im Startvorgang in einer Endlosschleife, welche die Prozessorlast auf 100% treibt. Ein erzwingendes Beenden dieses Programm-Prozesses über den Task-Manager scheitert und ist nur zu erreichen mit einem Abmelden des Benutzers. Wieder als Administrator angemeldet klappt der Start des Browsers problemlos; ein wenig lange dauert er trotzdem im Vergleich zu Firefox. Ich hoffe, dieser fatale Fehler wird in einer nächsten Version schnell behoben.

Netscape 8.0 Beta, Screenshot

Das Erste, was auffällt, ist sicher die neu gestaltete Browser-Oberfläche: mintgrüne Farbe dominiert. Geschmackssache. Zum Zweiten sind die sonst in allen Web-Browsern üblicherweise links angeordneten Menüs nun rechts angeordnet. Ungewohnt. Es dürfte sich die Frage stellen, ob diese Anordnung aus Sicht eines Benutzbarkeits- (Usability-)Experten angeraten bzw. auf Dauer haltbar ist.

Um ein wenig zu erfahren, wie sich Netscapes Neuer so anfühlt, spiele ich ein wenig mit ihm herum. Da die standardmäßig eingestellte Rendering-Engine auf Firefox beruht, erübrigt sich meiner Meinung nach ein Darstellungstest von Webseiten. Schaue ich nach, auf welcher Version Netscape 8 Beta basiert, so erhalte ich folgenden informellen Dialog:
Netscape 8.0 Beta, Browser-Identifikationsdialog Merkwürdig, warum hier nicht auf einen aktuellen Firefox-Browser der Version 1.x aufgesetzt wurde, sondern stattdessen auf eine ältere Vorversion: 0.9.6. Zumal Firefox 1.0 nun schon seit November des vergangenen Jahres verfügbar ist. Nun ja...

Die Konfiguration des Browsers gleicht weitgehend der des entsprechenden Firefox-Pendants (interessanterweise wurden die Dialoge für die Konfiguration in den aktuellen Firefox-Builds stark verändert, um vor allem den vorbildhaft ausgearbeiteten HIG-Vorgaben (HIG: Human Interface Guidelines) des GNOME-Projekts unter Federführung der Firma Sun Microsystems Rechnung zu tragen). Unterschiede in den Konfigurations-Einstellungen gibt es im Bereich der Sicherheitsmechanismen für persönliche Daten (z.B. Passwörter, Formulare) und vor allem bei dem hervorstechenden Feature von Netscape 8: der wahlweisen Verwendung der Rendering-Engine Firefox oder der Rendering-Engine des Internet Explorers bei Darstellungsproblemen mit einer Webseite:
Netscape 8.0 Beta, Site Controls

Über diesen Dialog hat man die Möglichkeit, Webseiten festzulegen, für die Netscape bei der Darstellung die Rendering-Engine des Internet-Explorers verwenden soll. Standardeinstellung ist die Darstellung via Netscape/Gecko-Engine. Nur die festgelegten Ausnahmen werden dann von der IE-Engine dargestellt.

Netscape bietet hierzu auch die Möglichkeit an, per rechtem Mausklick jede gewünschte Seite in die Liste derer Seiten aufzunehmen, welche mit der IE-Engine dargestellt werden soll. Man kann das Ganze auch noch feiner abstufen, in "Vertrauenswürdige Seiten", " Unbekannte Seiten", "Nicht vertrauenswürdige Seiten". Je nach Einstellung können dann sicherheitsrelevante Eigenschaften (JavaScript, Java, ActiveX,...) zu diesem Webseiten-Profil ein-, oder abgeschaltet werden. Interessant ist diese Umschaltmöglichkeit sicherlich im Zusammenhang mit rein auf den Internet Explorer zugeschittenen Webseiten, welche vor allem ActiveX einsetzen, das Windows-Update ist hier z.B. zu nennen, welches ausschließlich mit dem Internet Explorer funktioniert, weil es via ActiveX-Technologie auf das Windows-Betriebssystem zugreift bzw. es ggf. verändert. Anderen Web-Browsern ist diese Möglichkeit bisher verwehrt geblieben, vor allem deswegen, weil die Browser-Hersteller auf den unter Sicherheitsaspekten bedenkenswerten Einsatz der ActiveX-Technologie aus guten und nachvollziehbaren Gründen verzichten und auch, weil Microsoft kein Interesse daran hat, ein Windows-Update von fremder Browser-Technologie durchführen zu lassen, weshalb sie auf den betreffenden Webseiten fremde Web-Browser aktiv von dieser Möglichkeit ausschließen.

Fazit: Die Möglichkeit, wahlweise die Rendering-Engine des Internet Explorers zu verwenden, sieht zwar neu und revolutionär aus, ist so neu aber nicht. Bereits Ende der 90er Jahre gab es mit Neoplanet einen sehr ähnlich gearteten Web-Browser, der jedoch nie erfolgreich wurde und nach ca. 2 Jahren wieder in der Versenkung verschwand. Der Allgemeinheit dürfte seine kurze Existenz deshalb kaum bekannt sein.

Der Weg, den AOL/Netscape hier gehen will, ist offensichtlich: möglichst viele Nutzer wieder an die Marke Netscape binden und ihnen eine bequeme Möglichkeit bieten, vor allem auf den Internet Explorer zugeschnittene Webseiten zu nutzen, ohne den Browser zu wechseln.

Es stellen sich zu diesem von AOL neu eingeschlagenen Weg aus mehreren Gründen verschiedene Fragen und Zweifel:

Wer soll einen neuen Netscape-Browser brauchen? Mozillas Original-Browser sind längst erfolgreicher als alle letzten Versuche von AOL, einem Browser unter dem Label Netscape signifikante Marktanteile zu bescheren.

Mozillas Web-Browser orientieren sich an Webstandards. Der Internet Explorer hat hier seit Jahren immer deutlich werdende Defizite, weil der Hersteller Microsoft ihn nicht weiterentwickelt. Die Möglichkeit, nicht-standardkonforme Webseiten mit dem Internet Explorer durch die Oberfläche eines Netscape-Browsers zu nutzen, könnte sich als hemmend im Kampf gegen nicht-standard-konforme Webseiten und den veralteten Internet Explorer erweisen. Sie nimmt den Druck sowohl für Anbieter von derlei Webseiten als auch von Microsoft, seinen Browser in Richtung Einhaltung von Webstandards zu verbessern und könnte somit zur Verlängerung einer von vielen Seiten nicht erwünschten Situation beitragen.

AOLs erneuter Versuch, einen Browser unter dem Namen Netscape auf den Markt zu bringen, dürfte einen erneuten und endgültigen kräftigen Tritt in den Hintern ehemaliger Netscape-Mitarbeiter (Netscape war/ist AOL-Tochter) bedeuten: AOL hat die Firma Netscape zu Grunde gehen lassen, alle Netscape-Entwickler sind entlassen, die Marke Netscape existiert im Grunde nur noch auf dem Papier. Über die Fremdfirma, welche von AOL derzeit beauftragt ist, einen Browser unter dem Namen Netscape weiterzuentwickeln, hält sich AOL sehr bedeckt.

Was bezweckt AOL damit, die Firma Netscape zuerst zu Grunde gehen zu lassen, um dann doch noch unter diesem Namen einen Browser zu veröffentlichen, welcher nicht in eigenem Hause, sondern eher verschämt im Hintergrund von einer Fremdfirma entwickelt wird? Zumal sich die Marken Mozilla und Mozilla Firefox, die den Netscape-Browsern naturgemäß immer als Grundlage gedient haben, seit einiger Zeit sehr gut und zunehmend auf dem Markt behaupten können. Wo soll der Sinn und der tatsächliche Bedarf nach einem totgeglaubten und offenbar auch von Mozilla-Befürwortern totgewünschten Produkt sein, welches bisher an alte Erfolge nicht anknüpfen konnte und das in Zukunft aller Wahrscheinlichkeit nach auch nicht wird? Die Web-Browser-Landschaft ist dann wieder um ein neues Produkt reicher, was prinzipiell zu begrüßen ist. Wir werden es in wenigen Monaten sehen und den Verlauf beobachten.

16:34 UTC+01:00

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